AKTUELL:

Masse Mensch
Ernst Toller

Masse Mensch

Regie: Alfred Haidacher

Termine:

Mittwoch 24.01.2018 20 Uhr
Mittwoch 31.01.2018 20 Uhr
Donnerstag 01.02.2018 20 Uhr
Freitag 02.02.2018 20 Uhr
Samstag 03.02.2018 20 Uhr
Donnerstag 08.02.2018 20 Uhr
Freitag 09.02.2018 20 Uhr
Mittwoch 14.02.2018 20 Uhr
Donnerstag 15.02.2018 20 Uhr
Samstag 17.02.2018 20 Uhr
Mittwoch 21.02.2018 20 Uhr
Freitag 23.02.2018 20 Uhr
Donnerstag 01.03.2018 20 Uhr
Freitag 02.03.2018 20 Uhr
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Katrin Ebner, Laura Kosch, Christian Krall, Alexander Kropsch, Bernd Sracnik

  In seinem epochalen Werk „Masse und Macht“ schreibt Elias Canetti: “Die überwältigende Mehrheit der Menschen ist mit der Erzeugung von Gütern jeder Art beschäftigt. Mit ihrer Verteilung ist etwas schief gegangen. Das ist der Inhalt des Sozialismus auf die simpelste Form gebracht.“ Wenn also an der gerechteren Verteilung gearbeitet würde, so müsste das Resultat höhere Zufriedenheit in der Bevölkerung – sozialer Friede – sein. Nicht nur in der österreichischen Gegenwart zeigt sich aber, dass der soziale Friede nicht bloß in Gefahr ist, sondern wie die Zweidrittelmehrheit für diejenigen, die sich klar rassistischer Codes bedienen, zeigt, nicht nur nicht mehr wirklich vorhanden, sondern aufgekündigt.

   Im Rahmen der Recherchearbeiten für „Classics in the basement“, eines der vielen Dauer-Projekte des TiK, sind wir auf Ernst Tollers 1919 verfasstes Stück „Masse Mensch“ gestoßen, das auf erschreckende Weise aktuell geblieben ist, dabei aber durch die Besonderheit seiner Sprache auch künstlerische Distanz ermöglicht und nahelegt.

   Die Masse Mensch, heute als sogenanntes Humankapital gerne bloß als Verfügungsmasse für die notwendigen Nutzanwendungen innerhalb des Systems von Herstellung der Güter und Konsumierung derselben betrachtet, hat zerstörerische Macht. Dadurch scheinen beim Massenauftritt nur Extreme möglich, beziehungsweise wird es leichter gemacht, Massen zur gewünschten Nutzanwendung hin zu manipulieren – etwa zum Wahlverein für ein als „neu“ und „frisch“ auftretendes Produkt, dessen Inhaltslosigkeit gerne mit wirkungsvollen Querverweisen auf Sündenböcke – die, die an „allem“, was auch immer das jeweils genau sei, schuld sind – überspielt wird. Gleichzeitig eignet sich der Auftritt in der Masse auch dazu, später einmal an nichts Mitschuld getragen zu haben (man „hat nichts gewusst“, ist „nur mitgegangen, weil ein anderer auch mitgegangen ist“).  „Masse Mensch“ von Toller führt aber auch die „gute Idee“ vor (heute wohl „das Gutmenschentum“) und zeigt, wie schnell sich auch ebendiese gute Idee für Ihr Gegenteil missbrauchen lässt.

   Dass Weiblichkeit und Menschlichkeit in einer der Hauptfiguren gleichgesetzt werden, macht das Stück einerseits archaisch, erlaubt andererseits aber auch einen höchst heutigen in der Gegenwartsgesellschaft gerne verschütteten Zugang. Dass Fritz Lang „Masse Mensch“ wohl gekannt haben dürfte, zeigt sich in seinem acht Jahre nach der Entstehung von Tollers Stück herausgekommenen Film „Metropolis“, in dem dasselbe Prinzip – wenn auch ungleich populärer und simpler – für das Kino aufbereitet wurde.

   In der TiK-Version werden nur fünf SchauspielerInnen in die vielen Rollen schlüpfen, auch der Chor der Masse wird von einer einzigen Schauspielerin dargestellt, deren Stimme/Aussagen live im Echo vervielfacht werden, bis aus ihr mit dem Namenlosen der Vertreter dessen, was man heute den kleinen Mann mit dem gesunden Volksempfinden bezeichnen würde, hervortritt, der die berechtigten Anliegen durch Simplifizierung der „Lösungen“ für deren Pervertierung vorbereitet. Denn, wie Canetti schreibt: „Jeder sucht in eine Lage zu kommen, wo er sich seiner Stachel entledigen kann, und jeder hat viele davon.“

   Ebenfalls in „Masse und Macht“ steht folgende Frage: „Lieber guter Freund, die Wölfe haben immer die Schafe gefressen: werden die Schafe diesmal  die Wölfe fressen?“ Tollers Stück gibt, in seinem strengen Wechsel zwischen Traumbildern und umnachteter Wirklichkeit, die traurig-klare Antwort: Nein!

 

 

Ernst Toller

   wurde am 1. Dezember 1893 in Samotschin, in der Provinz Posen geboren und war Schriftsteller, Dramatiker,  und linker Revolutionär.

Als zeitweiliger Vorsitzender der bayerischen USPD und Protagonist der kurzlebigen Münchner Räterepublik wurde er nach deren Niederschlagung im Juni 1919 verhaftet und einen Monat später zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt. Damit entging er nur knapp einer drohenden Todesstrafe.

   Bereits während seiner Haft und mehr noch danach wurde er vor allem mit seinen Dramen als einer der maßgeblichen Vertreter des literarischen Expressionismus in der Weimarer Republik bekannt.

   1932 emigrierte er zunächst in die Schweiz. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Deutschen Reich wurde Toller aufgrund seiner jüdischen Herkunft und politischen Haltung formell aus Deutschland ausgebürgert. Seine Werke gehörten zur Liste der im Mai 1933 als „undeutsch“ diffamierten „verbrannten Bücher“ im Herrschaftsbereich der NS-Diktatur. Nach mehreren Exilstationen (abgesehen von teils kurzfristigen Vortragsreisen in verschiedenen Ländern vor allem die Schweiz und England) kam er 1937 in die USA. Neben persönlichen Enttäuschungen resignierte der Pazifist und politische Moralist Ernst Toller zusehends angesichts der real erlebten Erfolge faschistischer Bewegungen, vor denen er bereits in den 1920er Jahren gewarnt hatte. Depressive Schübe häuften sich, bis er schließlich 1939 in den Vereinigten Staaten im Alter von 45 Jahren durch Suizid starb.

   Zu Tollers erfolgreichsten Werken zählen die Dramen Masse Mensch (1919 in der Festungshaft verfasst) und Hinkemann, sowie die autobiographische Veröffentlichung Eine Jugend in Deutschland. Mit dem Gedichtzyklus Das Schwalbenbuch wurde er auch als Lyriker bekannt. Toller starb am 22. Mai 1939 in New York. 

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